Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich trete aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(Dietrich Bonhoeffer, aus dem Militätgefängnis Berlin Tegel, einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge am 8. Juli 1944 beigelegt)

Traumgedanken

knallroter Teppich – im Schneidersitz zwischen den Bücherregalen gleich Mauern. Wer liest das? Ich lese nichts. Will nur sitzen, da sein, meine Ruhe haben. Um mich rum, eine große Obstlandschaft, frisch geschnitten, Obstsalat – nur für mich? Ich blicke mich um, will doch nichts essen – und doch: dieser Hunger. Nur einmal probieren? Es wird ja sonst schlecht. Die kostbare Speise vergammelt.  Einen Hügelchen zusammengefegt, so ist es recht. Stroh klebt zwischen meinen Zähnen, zäh wie ein Turnschuh. Dazwischen Sand und Erde, mir wird schlecht. Was sind all die Beeren, Birnen und Melonen unter den Abtritten der Menschen, die den Teppich ohne Schuhe betraten? Nein, das kann ich nicht essen … mein Magen steht das nicht durch. Tut mir Leid, Schöpfer des Himmels, deine Ladung kommt in den Müll. Der Teppich zusammengerollt – Boden unter den Füßen genommen, in einer Plastiktüte verschlossen, nur noch ein Zögern: Wirklich auf den Müll, auf den Müll für immer? Morgen wird er weggetragen, dann ist er nicht mehr da. Was soll ein Boden, der den Magen verdirbt? Ein trügerischer Boden ist das. Lieber dieser kahle, kalte Untergrund – er spiegelt sich im Licht. Ruhe, Einfalt. Zwischen Regalen, die nun noch höher erscheinen, doch nun nicht mehr gleich Gefängnismauern, sondern Schutz im Schloss meines Lebens, eines neuen Lebens, das noch nicht ist. Wird es sein? Ich weiß es nicht, aber wohl auch nicht wichtig, denn wenn es sein wird, wird es, wenn nicht, bleibt wie es ist: nichts. Nein, lesen will ich nicht. Nur sitzen und warten. Zufrieden sein und die Freiheit genießen. Freiheit von allem was ist, sich von außen heranmacht und Ansprüche stellt. Etwas tun zu müssen, sich erbarmen, nicht allein zu lassen, da es sonst verkommt. Nein, ich bin da und sonst nichts, niemand der mich interessiert. So soll es sein. Niemand ist. Bin ich denn Niemand? Vielleicht kann erst jemand sein, wenn niemand ist.

Maria, Rosenkranz und Gemeinschaft der Heiligen …

Da ich mich nun mittlerweile daran gewöhnt habe, alles hier zu schreiben, worin v.a. ich mich selbst gedanklich intensiv ausgedrückt habe, werde ich diesen Kommentar, den ich zu einem Post von zeitzubeten schrieb, auch hier hinterlassen. (Artikel “Maria Königin, Zeit für eine demütige Einsicht” vom 22. August 2013 aufhttp://www.networkedblogs.com/OkW42 -> geht nicht, vielleicht unten stehenden Kommentar zuerst lesen, das ist der Post – um zu wissen, worum es eigentlich geht … :) – vieles davon habe ich ja ausführlichst kommentiert …) Folglich auch eher in der “Gattung” eines Briefes, als einer logisch klar strukturierten Erörterung … ich hoffe, falls sich jemand tatsächlich die Zeit für diesen langen Text nimmt, möge er mir das nachsehen … :)

Ich schreibe nun doch ein klein wenig dazu, weil ich mich derzeit mit ähnlichen Gedanken befasse, befasst habe – wenn auch freilich in viel bescheidenerem Ausmaß und Wichtigkeit … Das hat sicher einerseits damit zu tun, dass ich in letzter Zeit eine Liebe für Mariendarstellungen entwickelt habe (fast noch mehr für Magdalena) – wenn auch eher für einfache Varianten, die ihre Demut betonen. Andererseits bete ich eigentlich schon seit meiner “Bekehrung” Ende 2007 immer wieder mal einen Rosenkranz (bloß nicht zu oft, dass ich nicht aus Versehen dadurch einen Ablass erhalte) – und da ist mir mit der Zeit eben auch dieses Wort sehr wahr geworden: “Mit Maria auf Jesus schauen” – ohne es von dem vorhergehenden Papst gehört haben zu müssen. Mir ist auch immer noch nicht ganz klar, worin eigentlich genau für den (lutherischen) Protestantismus das Problem liegt … eben weil das Gebet, das empfinde ich so, letztlich ja doch an Jesus geht – und: ich denke das ist meine evangelische Sicht darauf, und vielleicht interessiert sie Dich ja auch – dass es so ist, nicht dass jemand für mich betet, sondern dass jemand mit mir betet, ich also nicht alleine bin, wie Jesus gesagt hat: “Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.” – Sicherlich ist Maria nicht irgendwer, denn das ist ja wahr, es gibt wohl keinen Menschen, der ihm auf Erden so nahe war wie sie … (nur beim “Jünger, den Jesus liebte”, bin ich mir nicht ganz sicher, sie werden ja auch Ende des JohEv einander zugeordnet). Und so stellt sie für mich ein wenig so etwas dar, wie die “Gemeinschaft der Heiligen” in persona. Dass ich das zwar – ich – allein in meinem Zimmer bete, aber zugleich in christlicher Gemeinschaft. Und diese Gemeinschaft betet nun freilich auch für mich, wie ich für sie … darum ist das “für mich beten” ja auch nicht ganz falsch.

Nun ja, gut protestantisch wie ich bin (das muss ich ja immer extra betonen) habe ich mich dann auch immer wieder am Christusrosenkranz versucht … und doch ist das wie bei vielen Nachbildungen so (vergleichbar mit dem Katechismus Martin Luthers, dessen Qualität m.E. heute schwer zu erreichen wäre, mit “moderner Sprache”, der es dann aber eben an dieser Poesie fehlt, die mir im Glauben sehr wichtig ist) – sie erreichen doch nicht ganz das “Original”. Nun ja, das Problem beim Christusrosenkranz ist für mich nun v.a. die Tatsache, dass es kein Gebet im eigentlichen Sinne ist: keine direkte Ansprache an ein Gegenüber, sondern zuerst eine Art (biblische) Umschreibung, die dann ins Gebet mündet. Das Problem hierin sehe ich nun, nicht allein, dass die Gebetshaltung mir zu wechselhaft ist, sondern v.a. dass die “Gemeinschaft der Heiligen” hinter der persönlichen Beziehung zu Gott stark zurücktritt, wie dies im Protestantismus ja häufig der Fall ist. Also, dass eben die nach meiner Empfindung horizontale Ebene abnimmt (da ich mir Maria eben protestantisch nicht als erhabene Gestalt im Sinne einer Königin vorstelle, sondern mehr als mit mir Betende zu Gott) zugunsten der vertikalen, d.h. die Verbindung zwischen mir und Christus sehr mächtig wird, ja eigentlich fast nur noch sie existiert. (Neben dem Vater Unser freilich, das sich aber ja auch “nach oben” richtet).

Ich für mich habe das nun so gelöst, nachdem ich lange darüber nachgesinnt habe, dass ich den traditionellen Christusrosenkranz etwas umformuliert habe, und dem Heiligen Geist eine stärkere Rolle zugesprochen (sicherlich nur ein sehr fragmentarischer Versuch). Das war ja schon vor einigen Jahren bei meinem kleinen selbstformulierten Gebet um das Wort Gottes so, dass der Heilige Geist da eine starke Rolle spielt – und ich dadurch vielleicht die Gemeinschaftsebene wieder ins Boot nehme, die mir sonst eher fehlt. In meinen Geheimnissen geht Christus dann zu uns Menschen eine sehr starke Bindung ein – und ebendies hat mich bei Deinen Ausführungen über Maria sehr an meine Fragen zu Jesus Christus erinnert: Weil ich das nie verstanden habe, wie es sein kann, dass er uns so nahe ist, da er ja kein Sünder war uns ist (und das, obwohl ich eine Frau bin!! :) ) … und ich habe es mir wohl mittlerweile ähnlich beantwortet wie Du – wenn ich auch mehr eine schöpfungsbejahende Haltung proklamiere (die mir oft schwer fällt, wirklich zu glauben / anzunehmen) als es in Deinem Artikel mir erscheinen mag.

Wie Du ja weißt, befasse ich mich gerade sehr mit 1. Tim 6, insbesondere Reichtum und Geldgier, und dieser Brief richtet sich ja stark gegen die Gnosis, die meint, wir müssten uns von der “schlechten Materie” befreien … und da steht auch der Satz drin: “Denn alles was Gott geschaffen hat ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen (!) wird.” – und in diesem Rahmen habe ich mich auch viel mit Lukas befasst – und ich empfinde das so, dass sich in seinem Evangelium da viele Parallelen zu finden, und insbesondere der Gedanke, dass Kinder Gottes, Nächste (und letztlich vielleicht auch die ganze Schöpfung) nicht festgelegt sind auf einen Wert (etwa Abrahams Kinder nicht durch die Zeugung, sondern den Glauben) – sondern in der Beziehung zueinander erst werden, was sie sind. Also, wir werden Kinder Gottes, weil Gott uns erwählt, der Nächste ist mir Nächster durch Barmherzigkeit, die Schöpfung wird erlöst durch die Liebe des Schöpfers und unseren Lob und Dank über sie … (wichtig ist dabei unser Dank, unsere Barmherzigkeit, unsere Liebe – in der Gemeinschaft, also nicht für sich – zumindest gedanklich/ spirituell).Aber ich denke, letztlich sind beide Ansätze wahr. Nur: Mir fällt letzteres immer schwerer zu glauben – hingegen dass wir in einer gefallenen Welt leben, das finde ich recht offenbar, bei all der Umweltzerstörung. Leid, Hunger etc … aber das sie gute Schöpfung Gottes ist (!) – das finde ich viel schwerer zu glauben und bin darum wohl auch lutherisch geworden, weil ich mir das immer wieder sagen (lassen) muss.

Und damit verbunden ist eben auch wieder, was mich sowohl am katholischen wie am Christusrosenkranz stört, was über die Jahre immer stärker wurde, ja vielleicht sogar das einzig Entscheidende: die Aussage: “Muttergottes” bzw. “Gottes und Marien Sohn”. Sicher ist nichts daran falsch und doch empfinde ich das fast wie eine Vergewaltigung … ja, Christus ist durch den Heiligen Geist gezeugt, von der Jungfrau Maria geboren, und doch diese Parallelität zwischen Gott-Vater und Maria fühlt sich für mich doch unrichtig an, denn es war ja eben gerade ein Durchbruch, eigentlich schier Unmögliches, dass der Herr (!) die Niedrigkeit (!) seiner Magd ansieht … Und für mich ist dabei – wenigstens auch – immer noch Josef der Vater Jesu. Wenn auch nicht leiblich, so doch wahrhaftig, wie auch ich einen Vater im Himmel habe – und einen irdischen Vater (wenn er auch nach der üblichen Redeweise “im Himmel” ist, so ist er doch irdisch, nicht dem “himmlischen Vater” gleichwertig).

Letzteres ist aber ein Thema, dem ich wohl noch genauer nachspüren muss, bin da noch nicht ganz klar. Und ist jetzt leider doch sehr viel geworden, sorry! Vielleicht aber erlebst Du trotzdem ein kleines Amüsement durch meine Ausführungen … bin für mich jetzt zumindest froh, das mal formuliert zu haben – und hoffe, ich habe Deinen Post nicht allzu sehr für meine Zwecke missbraucht. Viele Grüße

Grundeinkommen vs Lukas-Passion vs Almosen

Das Problem ist eigentlich so: Wir haben den technischen Fortschritt, medizinische Errungenschaften (wenn ich auch nicht von allem soo überzeugt bin …) – aber wir trauen uns entweder nicht, oder können es nicht o.ä. das – FÜR UNS – zu nutzen, UNS davon BESCHENKEN zu lassen. Es wäre so viel möglich, und doch erscheint (Selbst)Zerstörung immer einfacher, als Bewahrung, Erhaltung und schöpferisches Tun …

>>Und als die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm. Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passahlamm MIT EUCH zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis ES erfüllt wird im Reich Gottes. Und er nahm den Kelch und dankte und sprach: NEHMT IHN UND TEILT IHN UNTER EUCH; denn ich sage euch: Ich werde von nun an nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt. Und er nahm das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der FÜR EUCH gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.<< (Lk 22, 14-19)

Ich weiß, eine “Ideologie” und einen Bibeltext in einem Atemzug ist immer schwierig, selbst, wenn man ihn gar nicht in weiterer Weise interpretiert … er ging mir aber nicht mehr aus dem Kopf und so schreibe ich doch noch kurz dazu: Lukas ist der einzige Evangelist, bei dem sich V17 findet: “Nehmt ihn und teilt ihn unter euch” — und vielleicht kann man gerade das auch als einzigen Auftrag an Christen verstehen: Nehmt und teilt – das Evangelium, Freud und Leid, Versuchung und Hoffnung … und verkauft nicht euer Erstgeburtsrecht um eine Speise …

Die Angst vor dem Grundeinkommen ist ja nun die, dass alle anderen (nicht man selbst, man ist natürlich viel besser/ sozialer etc.) nur noch AN SICH denken werden … hmm, wäre ja zumindest ein Fortschritt, wenn man einmal im Leben wirklich an sich denkt, und nicht, wie es bisher m.E. der Fall ist, (vornehmlich) weder an sich, noch an andere gedacht wird, sondern an eine SACHE -> Geld, Vermögen (um dann – jetzt, später – davon leben zu können). Nicht die Tat, sondern Sicherheit. Nur, was ist sicher? Das Grundeinkommen wäre auch nicht sicher, aber erstmals ein Versuch, an dem alle gemeinsam tragen … der Gedanke überhaupt erst entstehen kann, zu arbeiten, ohne nach dem EIGENEN Erwerb fragen zu MÜSSEN.

Sicherlich kann ein Christ in jedem System leben … aber es ist doch ein seltsamer Glaube, der nicht wenigstens im Rahmen seiner Möglichkeiten irgendwie versucht, dieser Hoffnung auf das Reich entgegen zu laufen, das ja sein wird wie sein letztes Abendmahl mit uns. Ich für meinen Teil sehe derzeit kaum (eigentlich gar k)eine andere Möglichkeit als dies in Almosen auszudrücken (was wir im Grunde ständig tun, wenn wir was oder jemand unterstützen – und was wohl auch Lukas wollte).

Bei den Parteien gibt es nun jene, die das System, das wir haben, aufrecht erhalten bzw. fördern wollen, was die Schranke zwischen Arm und Reich noch größer werden lässt (offene Vertreter hierfür gibt es kaum noch, aus Angst vor dem Volk), die anderen, die dies zu verhindern suchen, und eben dieses aber gerade dadurch nach und nach aus den Angeln heben werden, sodass umso mehr leiden werden, aber nicht miteinander, sondern gegeneinander. Pest oder Cholera, zumindest auf weite Strecken …

Zuletzt: Unterstützung (Almosen) werden sicher niemals überflüssig sein … >>Denn Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit.<< (Joh 12,8). Aber vielleicht werden gerade sie zu einer rechten Blüte erst kommen, wenn wir uns trauen, darüber zu freuen, so reich beschenkt zu werden von UNS selbst.

Zum Fall Meese

Weil ich nun so ausführlich geantwortet habe, veröffentliche ich meine Beiträge noch einmal in Form einer Notiz, leicht überarbeitet und zum leichteren Lesen mit Absätzen strukturiert.

Wir befinden uns doch in einer recht komischen Gesellschaft. Als ob wir vor den äußeren Formen der vergangenen Unrechtssysteme Angst haben müssten … und nicht den inneren Prozessen, unverarbeiteten Anteilen in uns, die vermutlich gerade dort, wo wir es am wenigsten vermuten, stark werden. Auf ganz andere Weise, sodass wir dessen nicht gewahr werden, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, unsere Finger auf andere zu zeigen, auf die Vergangenheit. Man mag sich noch andere verwandte Themen dazu denken, die gerade im Umlauf sind. Aber das untere ist m.E. das charakteristischste und lächerlichste …

Ich hab das Ende Juli im Fernsehen gesehen, und konnte mir ehrlich gesagt ein Schmunzeln nicht verkneifen. Und so geht es mir auch irgendwie in so einer – ernsthaften – Diskussion. Aber ich will mal versuchen, die Sache ebenfalls ernsthaft zu betrachten. Er hat den Hitlergruß verwendet und das ist verboten. Punkt. Ein Gesetz, das in Folge der Erschütterung über die Aufdeckung der Greuel im Dritten Reich erlassen worden ist. Warum nun dieses Gesetz? Schließlich verbietet es nicht die Greuel an sich, die natürlich jetzt auch unter Strafe stehen, was auch richtig ist, sondern Verhaltensweisen, die mit einer bestimmten Zeit/ einer bestimmten Geschichte in Verbindung gebracht werden.

Die bekannte Ansicht lautet ja: Aus der Geschichte wird man klüger. Und was man einmal erkannt hat (-> dass das Hakenkreuz schlecht ist, dass der Hitlergruß schlecht ist, oder aber dass die Quälereien und Morde von “Andersartigen” schlecht sind?), wird man nicht wieder tun. Die Frage ist aber, ob so eine Tabuisierung das unbedingt besser macht, oder ob es nicht an der Zeit werden, die äußere “Fratze des Bösen” mit etwas mehr Gelassenheit zu begegnen, und sich stattdessen die inneren Prozesse eines solchen Unrechtssystems (das ja nicht allein aus Hitler bestand!) mehr vor Augen zu führen.

Davor noch eine andere Erklärung für das Verbot, die m.E. sogar ein gewisses Recht hat: Empfindet man das Dritte Reich gleich einer Traumatisierung (eventuell auch einer Mit-Traumatisierung der Kinder und Enkel, denn die Zeitgenossen werden ja nun immer älter), dann ist es verständlich, dass man alle Symbole, die damit verknüpft sind, als bedrohlich empfindet. Gleich einem Flashback: Wenn ich das (etwa das Hakenkreuz) sehe, dann verbinde ich es gleich mit der ganzen Geschichte, mit der ich eigentlich nichts mehr zu tun haben will. Auch diese Erklärung schreit aber danach, dass die Geschichte nicht verarbeitet ist, und in der Folge, wir auch gerade nicht aus ihr gelernt haben können.

Es gibt ja zwei Unterschiedliche Formen der Erinnerung: Erstens der distanzierten Betrachtung vorheriger Fakten, die m.E. Menschen kein Stück besser macht und zweitens, die wirksame Erinnerung, die mich wirklich verstehen lässt, was damals geschah (vgl. auch das christliche Abendmahl). Daraus lernen lässt, dass ich heute, in ganz anderen Kontexten (!!!) nicht wieder in die gleichen Fallen tappe. Es ist ja eben gerade so, dass wir m.E. (fast) keine Angst davor haben müssen, dass DIESE Ideologie wieder erstarkt, sondern dass vergleichbare Prozesse wieder in Gang kommen.

Dass MENSCHEN IHRE MACHTPOSITIONEN AUSNUTZEN UND ANDERE MENSCHEN DAFÜR BLIND SIND BZW. DAS TOLERIEREN. Und mein Problem ist nicht eben das, das wir zu viel Zeit damit verschwenden, uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen, sondern dass wir gerade durch die falsche Form der Auseinandersetzung blind für die eigentlichen Probleme in unserer Gesellschaft werden. Weil wir uns nur um die äußeren Merkmale kümmern, nicht aber die inneren Prozesse, die sich in der Geschichte zeigen. Es waren ja eben nicht allein die glühenden Nazis, die dieses Unrechtssystem möglich gemacht haben, sondern gerade die Mitläufer, die, die nicht Nein gesagt haben (Wolfgang Borchert), die in ganz einfachen Situationen ihre persönlichen Entscheidungen hätten treffen müssen und das nicht getan haben.

Nach dem Motto: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin. Stell dir vor, dieser Meese macht diese Fratzen, und es interessiert keine Sau. Dass es aber doch noch so interessant zu sein scheint, zeigt nur, wie weit wir noch davon entfernt sind, wirklich was “gelernt” zu haben. Dass wir meinen, Angst zu haben, das könnte wieder zu etwas ähnlichem führen.

Hesse beklagt sich nach dem Krieg darüber, dass er keine überzeugten Nazis mehr finde, die wirklich zu ihrer Sache stehen, dass alle auf einmal von nichts gewusst hätten, ja irgendwem geholfen, gerettet etc. hätten. Vor diesen Menschen, denke ich, müssen wir Angst haben, die kein Rückrat haben, zu der Sache zu stehen, die sie tun. Nicht vor so lächerlichen Figuren, die etwas provozieren wollen, oder, so denn es denn stimmt, ihre Vorlieben so öffentlich vortragen.

Alice Miller schreibt in ihrem Buch “Am Anfang war Erziehung” dass die ehemaligen Nationalsozialisten, die ja im Gehorsam geschult und sich bestens an das (bestehende!) Gesetz hielten, nach dem Krieg in andere berufliche Positionen gewechselt sind, die diesen Machtstrukturen ähnlich sind: Etwa der ganze Beamtenapparat (inkl. auch alltägliches wie Post etc.), Pflege, Bildung, Erziehung … also ganz “normale” Menschen geworden sind, aber ihr Verhalten im Kern nicht geändert haben, ihre Neigungen nun in der kleinen und erlaubten! Form der Unterdrückung weiter ausleben …

Etwas ähnliches betrifft m.E. die Debatte über Pädophile in den Kirchen, mittlerweile ja auch Parteien (Grüne, FDP) und wird sich vermutlich noch weiter ausbreiten. Auch, wenn die Diskussion an sich wichtig und richtig ist, zeigt sich darin m.E. doch ein ziemliches Pharisäertum, das gerne den Finger auf andere zeigt, aber sich selbst nicht damit auseinandersetzen will. Welchem Opfer bringt es was, wenn man aus der Kirche austritt, wenn die FDP-Abgeordnete ihr Amt niederlegt (außer der FDP, die nun durch ihren – Ruf – nicht weiter geschädigt wird).

Ein ähnliches Thema ist der Kampf gegen die angebliche Glorifizierung der DDR und der Mauer, im sog. Osten, die jetzt zum Jahrestag wieder einmal Thema wird. Da kann ich nur mit den Achseln zucken, denn dagegen wird unsere (!) Demokratie meist in mindestens ähnlich hellen Farben geschildert wird, in der ja alles ach so toll und herrlich sei. Sicher, man könnte da sagen, dass das nicht vergleichbar sei, sich in ganz anderen Maßstäben verhält, aber daran zweifle ich mittlerweile sehr. Möglich, dass wir uns den ungeheuren Maßstäben des Unrechts in unserer Zeit nur noch nicht so bewusst sind, wie es die Menschen damals ja auch größtenteils nicht waren. Und wer weiß, was unsere Kinder und Enkel über unsere Zeit sagen und schreiben werden!

Spaß-Text ;)

Von Affen, Bäumen und Ameisen

Ich hatte einen Traum. In diesem Traum waren alle Affen rot und sie schmatzten von den bunten Bananen die sie fraßen, jeder biss in seine Banane, die ihm je für sich von Gott zugedacht worden war. Weil jedem aber nur seine Banane schmeckte, stritten sie sich nie, nur einmal, da war Henry, der Gruppenälteste erzürnt – weil der kleine Knabe seine Banane probierte, und er gab sie ihm auch wohlgemut – in dem Glauben, sie würde wirklich gut schmecken, und das tat sie ja auch, nur eben ihm, dem Kleinen nicht. Und der spuckte sie aus und schrie laut – Bäh!!! – und der Inhalt seines Mundes fiel auf den Waldboden, auf dem die Affen lebten, natürlich lebten sie nicht auf dem Boden selbst, nein oben in den Bäumen waren sie daheim. Die Bäume boten ihnen Schutz, ja wovor eigentlich? Denn die Affen lebten dort ganz allein für sich, dachten sie zumindest, denn sie waren ja kurzsichtig und sahen nicht, was auf dem Boden lag, sie konnten überhaupt nicht weit sehen. Aber sie dachten nun mal, dass dort unten etwas grausames auf sie wartete, unterhalb der Bananenbäume, die ihre Urahnen einmal selbst angepflanzt haben, und auf diesen Boden nun fiel die gute Banane von Henry, die zuvor der Mund des Knaben zerstückelt hatte …. oh je, nun hatte Henry Hunger, nicht weil in seinem Magen zu wenig Nahrung gewesen wäre, nein, bei weitem nicht! – aber dieser Gedanke, dass seine gute Banane nun dort unten lag, bereitete ihm schlicht Magenschmerzen. Der Knabe erhielt natürlicherweise Hausarrest, obwohl er ja ohnehin niemals von seinem Baum nach unten gehen durfte, auf dem Boden, wo nun die Banane verschimmeln würde … aber doch auch auf die anderen Bäume, dort, wo alle seine Freunde spielten, die alle glücklich mit ihren Bananen waren, die ihnen so gut schmeckten … und sie sind ja auch nie auf die Idee gekommen, von einer anderen Banane zu kosten, weil sie einfach rundum zufrieden waren. Der Knabe aber, auf diese Idee gekommen, fühlte sich nun ganz zurückgewiesen und allein … das ist so gemein, die Freunde dort spielen zu lassen, und er musste hier verweilen, auf dem Baum. Und dabei hatte die Banane wirklich nicht geschmeckt! – Er blickte nun auf die Baumrinde, die ihm plötzlich so ganz anders erschien … Harz floss an einer Stelle heraus und ließen seine Haare aneinander kleben. Nein, auch das noch, Moma wird entrüstet sein – das ist die Affenmama, die Herrin über die Familie. Sie hatte doch erst letztlich ihren Spezialreiniger aufgebraucht und die Hilfsorganisation, die alljährlich die Affenfamilien besuchten, würde doch erst wieder in drei Zeiten kommen. Das wenig Seife und Waschlauge müsste sie bis dahin sparsam verwahren — und würde doch auch auf der Haut des Knaben gleich wieder eine Allergie auslösen, dann müsste er zum Arzt – und es ist ein weiter Weg bis dorthin, das würde ihm weder Henry noch Moma erlauben, auch wenn der Hausarrest wieder eines Tages aufgehoben werden würde … bis zum nächsten Sonnenaufgang hatte Henry gesagt – aber jeder Sonnenaufgang kommt doch immer erst nach einer langen Nacht, die er so ganz alleine hier im Baum vollbringen würde … kaum zu glauben, dass er die noch erlebte, so lange wie das dauert. Dann aber kam ihm eine Idee, er könnte sich ja am klebenden Harz herunterhangeln und einmal nachsehen, was dort unten, auf dem Boden für schreckliche Ungeheuer sind … er glaubte ja nicht an diese Geschichten, er war noch nie besonders gläubig gewesen, schon als kleines Kind nicht. Dass er ja war. Aber er dachte von sich selbst nicht, dass er ein kleines Kind wäre. Er war schon groß.- So groß, dass ihm weder Moma noch Henry einfach so den Hausarrest aufbrummen dürften. Er hätte den verdient! Denn schließlich gab er ihm die blöde Banane, von der ihm richtig schlecht geworden ist, und die musste er einfach ausspucken, sein Körper wehrte sich nur so dagegen, dass er sie kaum im Mund behalten konnte … immer näher kam er dem Boden, er krachselte gerade so auf ihn zu, mit der Flasche von Harz in der Tasche, dass er nur immer gesichert war. Was würde passieren, wenn er fiele, einen Krankenwagen gab es ja nicht … wer lebte wohl dort unten, wenn da wirklich Ungeheuer waren, wie hoch konnten sie dann greifen? Er sah sich um, niemand in der Nähe, alle waren sie zum Bananenessen versammelt, und er musste hier Hunger leiden … Etwas kribbelte an seinen Rückenhärchen, was war das? Der Wind wehte kaum, er konnte es also nicht sein, Blätter gab es in dieser Jahreszeit kaum, es war ja Winter. Regen. Schnee? Quatsch, im Urwald gibt es keinen Schnee. Er griff nach hinten auf den Rücken, ein kleines, feingliedriges schwarzes Etwas krabbelte über seine Finger. Bäh! Ist das abgemagert und klein … vielleicht werde ich auch einmal so aussehen, denkt er sich … Ich bin ein Exemplar von der Gattung Ameise, spricht das kleine Getier – was? Gattung A-Meise? – Von Meisen hatten ihnen ja seine Großeltern erzählt, die leben in den Lüften, kommen den Affen aber nie zu nahe, sind sehr schmackhaft und bisweilen hatte er schon einige fliegende Geschöpfe dieser Art gesehen, die waren auch so klein, aus der Entfernung, und verschwommen, denn der Knabe war ja, wie alle seine Verwandten von klein auf kurzsichtig. Dieses da war aber viel kleiner und konnte auch nicht fliegen. Meine Braut aber, die kann fliegen! sagte das kleine Geschöpf der Gattung A-Meise. Aaah, da kam es dem Knaben … ist dieses Geschöpf vielleicht gar keine Meise, sondern dessen Verneinung, wie sie das im Griechischunterricht gelernt hatten? – Du denkst´zu viel! – kam es zurück. Ich muss arbeiten, und mir und meiner Freundin was zu essen besorgen … das trifft sich gut, dachte der Knabe, ich werde nun einfach diesem Burschen nachlaufen, und mir von ihm was zu essen stehlen, hauptsache, es schmeckt nicht so grässlich wie diese blöde Banane, die er auf den Boden geworfen hatte … da erzählte ihm die A-Meise gerade – ach, weißt du, dort unten bin ich einer wahren Oase begegnet, die ich Dir nur empfehlen kann! ein Platz voller Schmaus und Leckereien, wie für uns beide hergerichtet. Nun muss ich nur eben Körbe besorgen, dass wir gepflegt daheim speisen können. Der Knabe fragt: Kann ich denn mitkommen und sie kennen lernen? Oh nein, sagt die A-Meise, du hast doch Hausarrest. Wir A-Meisen nämlich können sehr gut hören.

Der Reiche und Lazarus

Lesung: Vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31)

19Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren 21und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. 22Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.

23Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. 25Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. 26Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.

27Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Ansprache:

I.

Zwei Menschen – die unterschiedlicher nicht sein könnten, leben nebeneinander, Tür an Tür und besuchen sich nicht. Ein reicher Mann, in Purpur und kostbares Leinen bekleidet, doch namenlos. Lebt herrlich und in Freuden – ohne den Nachbarn. Vielleicht wäre er traurig geworden über ihn. Der Arme heißt Lazarus, seine Kleider – unbekannt. Dafür trägt er Geschwüre und träumt sich durch die Türe seines Bruders. Nicht nach ihm sehnt er sich, sondern seinen reichen Speisen, die vom Tisch fallen, in die Mäuler der Hunde, und die seine Wunden – zum Nachtisch verzehren.

Der Arme stirbt und wird von den Engeln in Abrahams Schoß gelegt – oben im Himmel. In seinem Leiden ist er leicht geworden. Nichts, was nach unten zieht und an die Erde bindet. Der Reiche aber sinkt hinab – in den Sarg. Und erlebt nun die Hölle in den Abgründen der Erde. Blickt nun auf Lazarus, für den er vorher blind war – in seiner Qual sieht er endlich seinen Bruder. Eine Gnade wird ihm gewährt, doch er erkennt sie nicht. Stattdessen bittet er, die Grenze auch im Jenseits zu vollziehen.

Blickt auf zu Abraham und bittet ihm um Lazarus, der des Trostes so sehr bedarf und ruft: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Wie jener zuvor, sieht auch dieser nur den Reichtum dort oben. Wenn doch ein Brocken vom Tisch hinab fiele für ihn. Der Schmerzen im Leben niemals erfahren hat wird nun überwältigt von ihnen. Sehnsucht, Liebe, Leidenschaft wird ihn verzehren.

Aber Abraham erbarmt sich eines Worts um dem Verlorenen die Zunge zu kühlen: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. Und: Zwischen uns und euch besteht eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.

Die Grenzen sind gesetzt. Das Gesetz der Pharisäer hilft nicht. Propheten helfen nicht. Ein Auferstandener hilft nicht. Allein die Liebe. Die Abraham dem Lazarus geduldig ans Herz zu legen versucht, der reiche Mann in den lodernden Flammen erst erlernen muss. Denn sie haben beide einander nicht angesehen, schon ein Blick würde reichen, doch sie finden sich nicht.

Wie schön wäre das – Lazarus nicht im Himmel, der Reiche nicht in der Hölle, sondern an einem Tisch gemeinsam, teilen sie Brot unter sich und trinken den Wein aus einem Glas.

II.

Der Reiche ist ja nun nicht herzlos. Er fleht Abraham geradezu an, Lazarus zu seinen Brüdern zu senden, um sie zu warnen. Doch Lazarus war ja immer vor seiner Türe gewesen, und auch er ließ sich nicht warnen. Er fragte niemals: Was will dieser hier? – Er interessierte ihn nicht, denn es war kein Bruder. Keiner von seines Vaters Hause. Aber sein Vater Abraham tröstet Lazarus, wie den eigenen Sohn.

Wie blind sind wir manchmal für unsere Brüder. Als wären sie gar nicht unsere Brüder, weil die Mutter sie nicht geboren hat. Dann ist die eigene Familie kein offenes Haus mehr, sondern wird zum Gefängnis, die Tür als Grenze zur Welt draußen.

Vielleicht geht es nicht darum, auf die Menschen, denen wir uns fremd fühlen, schnell und ungehindert zuzugehen, uns in ein Gespräch zu versenken, das nicht interessiert. Interesse zu zeigen, das nicht vorhanden ist. Wohl aber Schritt für Schritt, Wort für Wort die Neugier zu nähren, die sich schon bildet. Einem Blick nachzugehen, den Gedanken nicht zu schnell verstummen zu lassen. Vielleicht war ja dieser mein Bruder. Und was ich immer tun kann, für ihn, ist ein Gebet.

Rainer Maria Rilke hat diesen Gedanken einmal so beschrieben: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise Jahrtausende lang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.

Wenn wir nun so viele Ringe um unser Leben legen, hin zu den Menschen, hin zu Gott, wird keine Möglichkeit mehr sein, uns so sehr auseinander zu reißen, dass sich eine Kluft bildet, die unüberwindbar ist. Die Teilnahme am Schmerz ist nicht der Schmerz, die Freude des andern kann zur eigenen Freude werden und uns um so reicher machen.

Gebet:

Herr, wir wollen Dir danken für Deine wundervollen Gaben an uns. Du hast uns eine Familie geschenkt, Freunde, wunderbare Menschen, die wir vielleicht noch kennen lernen dürfen. Tiere auf dem Land, im Wasser und der Luft. Ein Reichtum an Bäumen, Blumen und Gewächs. Hilf, dass wir mit offenen Augen durch das Leben gehen, und uns freuen.

Wir möchten Dich auch bitten für alle, denen ein naher Mensch genommen wurde, deren Verhältnisse brüchig werden, die in ihrer Trauer denken, ganz allein zu sein. Für alle, die einen Mangel empfinden, nach Nahrung, Gesundheit und Obdach, ebenso wie Zufriedenheit und Sinn im Leben.

Hilf, dass wir zueinanderfinden und füreinander einstehen. Amen.